Pax Silica Und Der Neue KI-Wettlauf: Souverän Ist, Wer Der Blockbild­ung Widers­teht

Reuters berichtet, das US-Außenministerium bereite einen Brief vor, der Partnerstaaten vor einer Kooperation mit der chinesischen World AI Cooperation Organization (WAICO) warnt. Dies könne zum Ausschluss aus dem US-amerikanisch angeführten Pax Silica-Bündnis führen. Eine Mitgliedschaft in beiden Blöcken sei aus Sicht des US-Außenministeriums nicht möglich. Man müsse sich beim KI-Wettlauf für eine Seite entscheiden. Ausgelöst wurde dieser Vorgang von Kasachstan, das beiden Initiativen beitrat.

Worum geht es bei Pax Silica?

Deutschland ist erst am 23. Juni 2026 der Pax Silica-Initiative beigetreten, gemeinsam mit Griechenland und der Europäischen Union. Kommuniziert wurde das nicht und welche Verpflichtungen und Möglichkeiten damit einhergehen ist weitestgehend unbekannt. Die neuen Mitglieder der Pax Silica-Initiative begrüßte Jacob Helberg, Abteilungsleiter im US-Außenministerium.

Über seine Big Tech Verbindungen und Absichten hatten wir bereits berichtet. Er leitet die Initiative, die ihren Ursprung bereits in der China-Politik der Biden-Administration hat. Offiziell verkündet wurde Pax Silica im Dezember 2025 und hat seitdem 24 Mitgliedsstaaten gewonnen. Überwiegend handelt es sich dabei um enge militärische Verbündete der USA. 

Das Ziel der Initiative ist, entlang der gesamten KI-Lieferkette, von Modellen über Rechenzentren bis hin zu Chips und seltenen Erden, unabhängiger von China zu werden. Gleichzeitig geht es der US-Regierung darum, Partnerländer über diese Partnerschaft enger an sich und das US-amerikanisch KI-Ökosystem zu binden. Zuletzt wurde von der Initiative ein vages „AI Opportunity Statement“ veröffentlicht.

Jacob Helberg kritisiert regelmäßig eine multilaterale Digitalpolitik und bezeichnet das politische Ziel der digitalen Souveränität als Falle und Irrweg. Eine gewisse Spannung zwischen der Pax Silica Agenda und den Souveränitätsbemühungen der Europäischen Union besteht also, wenngleich beide noch nicht in Stein gegossen sind.

Auffällig am Beitritt der EU und einzelner Mitgliedsstaaten zur Pax Silica ist, dass er kurz nach Verkündung des Tech Sovereignty Packages stattfand. Dies wurde teils als freundliches Signal in Richtung Washington interpretiert, dass man sich trotz Bemühungen um digitale Souveränität noch der transatlantischen Partnerschaft verpflichtet fühlt.  

Am 16. Juli erfolgt die chinesische Antwort: WAICO und Kimi K3

Am 16. Juli 2026 hat China seine Vision von Zusammenarbeit in der Künstlichen Intelligenz präsentiert. Auf der World Artificial Intelligence Conference in Shanghai startete XI Jinping die WAICO (World Artificial Intelligence Cooperation Organization), die mit 30 Mitgliedsstaaten aus dem Globalen Süden antritt. China setzt dabei andere inhaltliche Schwerpunkte als die USA. Es gehe insbesondere darum, offene Technologien zu teilen und neue “historische Ungerechtigkeiten” zu verhindern

Gleichzeitig machte das chinesische Startup Moonshot AI sein Model Kimi K3 verfügbar. Und zwar “Open Weights”. Das bedeutet: Jeder kann - moderne Recheninfrastruktur vorausgesetzt - das Modell herunterladen, betreiben und modifizieren. Sogar offline und souverän. Lizenzgebühren werden erst bei einem kommerziellen Betrieb in großem Maßstab fällig. Open Weights ist nicht Open Source im klassischen Sinne. Denn die Trainingsdaten und Trainingsverfahren werden nicht geteilt. Das ist bei KI auch schwierig. Open Weights ist damit eine eigenständige Kategorie zwischen Open Source und proprietären Systemen. Die Anwender haben mit Open Weights trotzdem deutlich mehr Hoheit über ihre Daten und die Verwendung als bei proprietären Modellen.

Der Kampf um offene Modelle

Mit Kimi K3 von Moonshot AI und Qwen von Alibaba gibt es nun KI-Modelle, die man selber hosten kann und die nach den gängigen Benchmarks fast genau so leistungsfähig wie die überwiegend proprietären Modelle US-amerikanischer Anbieter sind. Und das bei deutlich besserer Effizienz. Für Europa, die Welt und alle, die KI nicht anbieten, sondern als Anwender einkaufen, sind das extrem gute Nachrichten. Denn ein Szenario, bei dem wenige US-amerikanische Firmen den gesamten Markt für KI erobern und Preise diktieren können, scheint vorerst abgewendet. In den USA entfachte das sofort eine Diskussion darüber, ob offene Modelle verboten werden sollten. Angeführt von NVIDIA sprach sich eine breite Allianz von Unternehmen gegen solch eine Maßnahme aus. Nur Anthropic enthielt sich. Kein Wunder, schließlich gefährdet die Konkurrenz aus China das Geschäftsmodell und den geplanten Börsengang, mindestens aber die Margen.

“Can’t have it both ways.” - Warum eigentlich nicht? 

Europa hat im Bereich von Cloud und Software ein Handelsdefizit mit den USA von 264 Mrd. € jährlich. Es bestand die Sorge, dass eine Integration proprietärer US-amerikanischer KI-Anbieter wie OpenAI und Anthropic über alle Branchen hinweg diese einseitige technologische Abhängigkeit - und den damit verbundenen Verlust an Wertschöpfung und Souveränität - vertiefen würde.

Dass es nun immer mehr leistungsstarke offene chinesische Modelle gibt, ist eine gute Nachricht für Europa. Denn obwohl bislang kein wettbewerbsfähiges europäisches KI-Ökosystem entstanden ist, gibt es nun eine breitere Auswahl an konkurrierenden Anbietern. Das bringt mehrere Vorteile mit sich. Die Möglichkeit, zwischen amerikanischen und chinesischen Anbietern hin- und her zu wechseln, reduziert geopolitische Erpressbarkeiten und die Konkurrenz senkt den Preis. Das finden, wie man an dem offenen Brief von NVIDIA sehen kann, sogar die meisten US-amerikanischen Unternehmen gut.

Diese neue Wahlfreiheit gilt es nun zu erhalten. Die Diversifizierung von Chip-Lieferketten ist ein sinnvolles Ziel. Aber sollte die Pax Silica-Initiative sich in eine Richtung entwickeln, wo Regierungen mit dem US-Ökosystem nur kooperieren dürfen, wenn sie Maßnahmen gegen chinesische Anbieter ergreifen, dann wäre diese Mitgliedschaft zu hinterfragen. Denn die gute Verhandlungsposition europäischer Kunden, öffentlich wie privat, die nun auf zwei konkurrierende Tech-, bzw. AI-Stacks zugreifen können, sollte erhalten werden.

Fragwürdig ist die europäische und deutsche Mitgliedschaft in Pax Silica seit Beginn auch deshalb, weil Jacob Helberg, immer wieder offen die europäischen Bemühungen um digitale Souveränität und den Digital Markets Act und Digital Services Act angreift.

Zu klären sind insbesondere zwei Fragen: Aus welcher Erwägung heraus hat sich die deutsche Bundesregierung der Pax Silica Initiative eigentlich angeschlossen? Und wird hierdurch vorschnell in einem geopolitischen KI-Wettlauf auf eine Art Partei ergriffen, die Einschränkungen unserer digitale Wahlfreiheit mit sich bringt?