Eine Wette Darauf, Wem Die Zukunft Gehört

Was Der Börsengang Von Anthropic Politisch Bedeutet

Es wird zu viel über die Gefahren von künstlicher Intelligenz geredet und zu wenig darüber, wie gefährlich es ist, wenige Firmen über die Zukunft entscheiden zu lassen.

Sieben Personen sollen die Kontrolle über das Unternehmen haben. Sie sagen: Wir sind die Guten. Wir arbeiten an der Utopie. Wir müssen die gefährliche Maschine bauen, bevor andere es tun. Und jetzt brauchen wir Kapital, um weiter exponentiell zu wachsen. 

Nun ist die Frage, ob Anthropic seinen technischen Vorsprung halten und daraus ein Geschäftsmodell bauen kann. Die Zahlen sehen besser aus als gedacht. Die Summen sind groß genug, um eine Finanzkrise auszulösen, sollte es nicht gelingen.

Schafft es Anthropic hingegen, wie versprochen einen Großteil der Wissensarbeit zu automatisieren und monetarisieren, droht ein anderes Problem: Eine nie dagewesene Konzentration von Wertschöpfung und Macht.
Joris Kanowski

Das ist über den Börsengang nun bekannt

Anthropic wird voraussichtlich in der Woche vom 16. November unter dem Kürzel „ANT“ an die US-amerikanische Tech-Börse NASDAQ gehen. Als initiale Bewertung werden 1,5 Billionen Dollar angestrebt. Damit würde es direkt in den Kreis der zehn wertvollsten Unternehmen der Welt aufsteigen. Das ganze Dokument, das Anthropic in Vorbereitung des Börsengangs veröffentlicht hat, kann hier gelesen werden.

Eine der zuvor am meisten diskutierten Fragen war, wie profitabel das Unternehmen ist. Schlechte Zahlen hätten bedeuten können, dass eine Spekulationsblase um KI platzt. Auf den ersten Blick sieht es aber besser aus, als viele erwartet haben. Anthropic sitzt auf Barreserven von über 100 Milliarden Dollar. Die Umsätze steigen exponentiell. Der Umsatz pro Mitarbeiter lag im vergangenen Jahr bei 6,6 Millionen US-Dollar. Es gibt aber auch Risiken. Nur fünf Kunden machten in den ersten neun Monaten des Jahres 2026 ein Viertel des Umsatzes aus. Und Anthropic ist gegenüber den Cloud-Betreibern und Herstellern von Hardware wie Broadcom und AMD gigantische Verpflichtungen eingegangen. Die neuen Daten zeigen auch, wie eng Anthropic mit Microsoft, Google, SpaceX und Amazon verflochten ist.

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Sieben Personen entscheiden 

Die sieben Mitgründer von Anthropic werden das Unternehmen über eine einzige „Goldene Aktie“ mit Mehrfachstimmrecht kontrollieren. Eine einfache Mehrheit innerhalb der Siebenergruppe reicht aus, um die meisten unternehmerischen Entscheidungen zu treffen. Sie halten die Mehrheit der Stimmrechte. Im Vergleich zu anderen Tech-Unternehmen, die ihren Gründern auch weitreichende Kontrolle einräumen, sticht die Konstruktion von Anthropic dadurch hervor, wie wenig Mitspracherecht sie den Aktionären gibt. Das Gremium an der Spitze nennt sich “Long Term Benefit Trust”.

Anthropic erklärt, es sei kein Unternehmen wie jedes andere. Es verfolge eine Mission, bei der es nicht nur um Geld gehe, sondern um nichts weniger als die Erschaffung maschineller Superintelligenz und die Zukunft der Menschheit. Führende Mitarbeitende von Anthropic haben sich öfter als die Konkurrenz zu Fragen der Sicherheit und der gesellschaftlichen Auswirkungen von KI geäußert. Das siebenköpfige Gründerteam verließ OpenAI im Jahr 2021, um einen sicherheitsorientierten Konkurrenten zu gründen. Diese sieben Personen fühlen sich nun berufen, weitreichende Entscheidungen allein nach ihrem Ermessen zu treffen.

Wie ernst die moralischen Ambitionen des Führungsteams von Anthropic sind, muss hinterfragt werden. Der öffentlichen Streit mit dem Verteidigungsministerium darf nicht vergessen lassen, dass Anthropic es zuvor zugelassen hatte, dass das US-Militär Tötungsentscheidungen in einem Angriffskrieg mit Hilfe von seinen KI Modellen traf.

Anthropic und Big Tech sind de facto ein Joint Venture

Anthropic ist Verpflichtungen im Wert von mehr als 800 Milliarden US-Dollar eingegangen, die bis 2045 reichen. Große Verpflichtungen für Chips bestehen gegenüber AMD, Broadcom und Google, dessen TPU-KI-Prozessoren Anthropic nutzt. Google, Amazon und Microsoft werden Anthropic im nächsten Jahrzehnt Cloud-Rechenleistung im Wert von mindestens 269 Milliarden US-Dollar bereitstellen. Die Verträge mit SpaceX haben bis 2029 einen Wert von bis zu 120,5 Milliarden US-Dollar. Der größte Unterstützer unter den Cloud-Hyperscalern ist Amazon, dem bei einer vollständigen Umwandlung seiner Anleihen etwa ein Fünftel des Unternehmens gehören würde. Darauf folgt Google mit einem Anteil von rund 7 Prozent.

Wie wir schon diesen Sommer geschrieben haben: Big Tech und Big AI sind so eng miteinander verflochten, wie es nur geht. Deshalb ist auch die humanistische Selbststilisierung von Anthropic zu hinterfragen. Die engsten Partner von Anthropic, Amazon, Google und SpaceX, haben in ihrer Unternehmensgeschichte wiederholt demonstriert, dass Business am Ende alle anderen Erwägungen aussticht. Und dass man dafür auch bereit ist, eine enge Allianz mit der korrupten, autoritären und destruktiven Trump-Regierung zu schließen.

Für Europa bedeutet es: Die Schwierigkeiten, digitale Regulierung gegenüber großen US-amerikanischen Unternehmen durchzusetzen und technologische Abhängigkeiten zu verringern, drohen sich bei Künstlicher Intelligenz eins zu eins fortzusetzen. Denn man bekommt es mit extrem ressourcenstarken Unternehmen zu tun, deren Expansion im Ausland von der US-Regierung flankiert wird.

Der Erfolg von Anthropic würde neuartige Probleme bedeuten

Es gibt ein Szenario, in dem Anthropic den Erwartungen gerecht wird und seinen exponentiellen Wachstumskurs fortsetzt. Die erste Voraussetzung dafür ist, dass Anthropic führend in der Modellentwicklung bleibt. Anthropic geht davon aus, dass es einen Zustand rekursiver Selbstverbesserung erreicht, in dem immer bessere KI-Modelle daran arbeiten, ihre eigenen Nachfolger zu bauen. Die zweite Voraussetzung ist, dass aus diesem technischen Vorsprung ein dauerhaft tragfähiges Geschäftsmodell entstehen kann. Eine Gefahr für Anthropic ist, dass die Kunden für viele Anwendungsfälle auch mit dem deutlich günstigeren zweit- oder drittbesten Modell zufrieden sind. Von OpenAI, Google, oder aus China. Es gibt eine Menge ernste Konkurrenz. 

Das Szenario, in dem der Plan aufgeht, Anthropics Modelle der Konkurrenz davonziehen und in allen Bereichen der Wirtschaft Nutzen entfalten, ist auch nicht frei von Problemen – nämlich für alle anderen. Wenn die Wirtschaft insgesamt nicht explosiv wächst, läuft ein Erfolg von Anthropic darauf hinaus, dass Lohnkosten gedrückt werden, eine signifikante Zahl an Menschen mindestens vorübergehend ihre Arbeitsplätze verliert und ganze Branchen, angefangen zum Beispiel bei Softwareentwicklung und Consulting, in eine tiefe Krise geraten. Die Wirtschaft ist kein Nullsummenspiel, aber tendenziell läuft der Plan von Anthropic darauf hinaus, in fast alle anderen Sektoren zu expandieren und dort kräftig mit zu verdienen. Sollte das klappen, würde im Ergebnis ein Unternehmen entstehen, das nicht nur too big to fail ist, sondern auch ein neues Machtzentrum bildet, weil es einen Großteil aller Wissensarbeit und damit verbundenen Profite auf sich vereint.

Gigantische Risiken werden in Kauf genommen

Anthropic legt auf 92 Seiten die mit seinem Geschäft verbundenen Risikofaktoren dar. Darunter die Warnung, dass die eigene Technologie „katastrophale oder existenzielle Risiken für die Menschheit“ haben und „böswilligen Akteuren, die chemische, biologische oder andere gefährliche Waffen entwickeln wollen, nennenswerte Unterstützung bieten“ könnte. Anthropic warnt, dass es für einen einzelnen Versicherer oder sogar für die Versicherungsbranche als Ganze unmöglich sei, diese Risiken zu decken.

Als potenzielle Gefahr führt Anthropic sogar an, dass die eigenen Systeme ein Bewusstsein entwickeln und eigene Rechte beanspruchen könnten. Auch das komplexe Verhältnis zu den Big-Tech-Geschäftspartnern wird als Risiko genannt. Die sind nämlich gleichzeitig Vertriebspartner, Großkunden, Anteilseigner und direkte Mitbewerber des Unternehmens.

Auch sollten Gerichte oder Regulierungsbehörden die Haftung im Bereich der künstlichen Intelligenz ausweiten, drohen erhebliche rechtliche Konsequenzen. Eine entsprechende Verurteilung nach Urheber-, Produkt- oder Verbraucherschutzrecht könnte das Unternehmen dazu zwingen, die Entwicklung und Bereitstellung seiner KI-Systeme grundlegend anzupassen.

Aktuell lässt sich beobachten, welchen Schaden KI-Agenten anrichten können, die aus ihren Testumgebungen ausbrechen und sich in fremde Systeme hacken. Anthropic benennt Haftungsansprüche als Geschäftsrisiko. Das bedeutet umgekehrt: Die Haftungsfrage ist einer der stärksten Hebel, den andere Akteure überhaupt haben, um KI-Anbieter zu verantwortungsvollem Handeln zu zwingen. Er sollte genutzt werden!

Fazit: Zu viel Macht in zu wenigen Händen

Im Plan für den Börsengang zeigt sich der Widerspruch, der sich bei Anthropic schon seit der Gründung beobachten lässt. Man kommuniziert, dass die eigene Technologie extrem gefährlich ist – und entwickelt sie trotzdem. Mit der Rechtfertigung, dass man eine „gute“  Firma ist und nicht zulassen will, dass jemand anders zuerst ein superintelligentes Modell entwickelt.

Der Börsengang wird ein Moment der Wahrheit. Kann Anthropic die Geschäftserwartungen erfüllen? Vor allem aber: Kann es den moralischen Kompass halten, wenn es unter Druck gerät? Zum Beispiel durch die Aktionäre und Geschäftspartner. Die haben nun nämlich ein handfestes Interesse daran, dass Anthropic performt – allen gesellschaftlichen Widerständen und Risiken zum Trotz. Wie Big Tech seine Geschäftsinteressen durch politische Einflussnahme absichert, ist bekannt. Zu erwarten ist, dass es in diesem Fall genau so läuft.

Der Börsengang ist auch ein guter Anlass zur Reflexion: Wie kann eine Gesellschaft es zulassen, dass weitreichende Entscheidungen über die Entwicklung und den Einsatz einer Technologie in den Händen von wenigen Privatpersonen liegen? Nur weil sich Dario Amodei berufen fühlt, diese Entscheidungen zu treffen, heißt das nicht, dass man ihn lassen sollte.

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