Merz Rollt Amazon Und NVIDIA Den Roten Teppich Aus

Nicht Jede Investi­tion Ist Eine Erfolg­sgesc­hichte

Souveränität ist vom Tisch

Vor einem Jahr hatte Friedrich Merz verkündet, dass Deutschland digital souverän werden und seine technologischen Abhängigkeiten verringern muss. Von diesem Ziel ist nicht viel übrig geblieben. Die Bundesregierung ist auf der verzweifelten Suche nach Erfolgsgeschichten. Auf dem „Invest in Germany“-Summit am 20. Oktober baut sie deshalb die große Bühne für ausländische Unternehmen und Investoren. Was direkt auffällt: Die meisten kommen aus den USA.

Digitale Souveränität wurde im November 2025 von Frankreich und Deutschland oben auf die politische Agenda gesetzt. Man wollte Schritte gehen, um die geopolitische Erpressbarkeit durch Donald Trump und die Marktdominanz weniger Firmen zu verringern. Seitdem sind viele gute Gründe dazu gekommen, diesen Weg entschlossen weiter zu verfolgen. Der Streit um Grönland, die temporäre Abschaltung von KI-Modellen von Anthropic und nicht zuletzt die Drosselung von Starlink für die Ukraine.

Passiert ist nichts. Oder das Gegenteil. Man erhofft sich von amerikanischen Technologiekonzernen und Investoren nun, dass sie den deutschen Standort beleben. Das werden sie allerdings nur zu ihren Bedingungen machen und nach ihren Vorstellungen. Friedrich Merz stellte Jensen Huang, dem CEO von NVIDIA, auf einem Podium die Frage: Wie sollen wir KI regulieren?

Keine Vision für ein starkes europäische KI-Ökosystem

Diese Gesten zeigen, wie ambitionslos die Bundesregierung agiert. Deutschland hat vielversprechende Unternehmen im Bereich KI, Robotik und Automatisierung. Das Ziel muss sein, dieses eigene Ökosystem zu stärken und dabei aus der Vergangenheit zu lernen. Bei Social Media, Cloud Computing, Smartphones und auch bei vielen Hardwarekomponenten wurde zugelassen, dass wenige ausländische Firmen den europäischen Markt dominieren. Das war im Rückblick ein Fehler.

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Die Frage, wie und nach welchen Regeln KI eingesetzt wird und wer daran am meisten verdient, ist noch lange nicht entschieden. Von der Bundesregierung könnte man eine Strategie erwarten, die den Mittelstand und die Industrie nicht sehenden Auges in eine Abhängigkeit von wenigen Anbietern von Modellen und Recheninfrastrukturen laufen lässt. Worauf es jetzt ankommt: Den Wettbewerb offen halten, Alternativen fördern, Lieferketten diversifizieren, eigene Kompetenzen aufbauen, Datenhoheit behalten, bestehende Gesetze anwenden und Hersteller in die Verantwortung für Sicherheitsfragen nehmen.

Ohne NVIDIA geht es nicht – das ist aber kein Grund zu feiern 

NVIDIA ist der Marktführer bei Grafikprozessoren, der entscheidenden Hardware für KI. Ohne NVIDIA geht aktuell wenig, das ist ein Fakt. Diese Abhängigkeit gibt es schon länger. Hier hat man in der Vergangenheit versäumt, Alternativen zu fördern und aufzubauen.  Niemand fordert, in Deutschland keine NVIDIA GPUs zu verbauen. NVIDIA kann gerne in Deutschland investieren und seine Hardware verkaufen. Von der Politik wünscht man sich aber, dass sie etwas tut, um bei einseitigen Abhängigkeiten gegenzusteuern, statt CEOs auf offener Bühne nach ihrem Rat zu fragen, wie sie gerne reguliert werden wollen. 

Ein mysteriöses Gastgeschenk

Neben der Milliarde, die NVIDIA in deutsche Startups investiert, kursierte noch eine andere Zahl. Die Bundesregierung hat eine Kooperation mit NVIDIA in dreistelliger Millionenhöhe vereinbart. Worum es dabei konkret geht, ist noch nicht vollständig bekannt. Laut Tagesschau könnte es darum gehen, deutschen Playern die Anmietung der KI-Cloud der NVIDIA und Telekom zu subventionieren. Die Bundesregierung teilte mit, dass die Kooperation mit der Plattform Industrie 4.0 zusammenhängt und Unternehmen erlauben soll, mit ihren Daten industrielle KI zu trainieren.

Es bleibt abzuwarten, was daraus dann konkret entstehen wird. Gut möglich ist, dass die Ankündigung zunächst vor allem eine Funktion als Gastgeschenk hatte. Denn Jensen Huang trifft sich eigentlich nur öffentlich mit Politikern, wenn es einen Deal zu verkünden gibt. Und zwar einen Deal, von dem NVIDIA profitiert.

Amazon „investiert“ seine Betriebskosten

Auch Amazon verkündet eine Investition in Deutschland von 16 Milliarden Euro in 2027. Bei dieser Zahl lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Welcher Teil der Summe wird wirklich „zusätzlich“ investiert und bei welchem Teil handelt es sich nur um eine andere Deklarierung für Ausgaben, die sowieso eingeplant waren? Zumindest entspricht die Zahl dem Ausgabentrend der letzten Jahre.

Was man bei solchen Ankündigungen auch nie vergessen darf: Amazon investiert nicht, um irgendjemandem zu helfen. Es baut mit diesen Investitionen seine marktbeherrschende Stellung im Onlinehandel und Cloud Computing weiter aus. Finanzieren tun es letztlich die deutschen Privat- und Geschäftskunden. Und von den Gewinnen wird nur ein Bruchteil in Deutschland versteuert. Eine Bundesregierung, die darin eine Erfolgsgeschichte sieht, hat den Glauben an europäische Unternehmen und fairen Wettbewerb aufgegeben.