Europas Suche Nach Eigenem Digitalen Geld

, Berlin
Unsplash CC BY

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Europäer:innen bezahlen immer öfter digital – hauptsächlich über US-amerikanische Infrastrukturen. Wie abhängig der digitale Alltag inzwischen von privaten Zahlungs- und Plattformdiensten ist, zeigen mehrere Fälle. Besonders deutlich wurde das bei sanktionierten Richter:innen des Internationalen Strafgerichtshofs: Kreditkarten wurden gekündigt, PayPal-, Amazon-, Airbnb- oder Apple-Konten gesperrt. Plötzlich werden selbst einfache Dinge, wie eine Reise zu buchen, ein Abo zu abschließen oder online zu bezahlen, schwierig.

Schon seit Längerem möchte die Europäische Union deshalb den digitalen Euro einführen. Er soll eine öffentliche europäische Alternative im digitalen Zahlungsverkehr schaffen. Dr. Sebastian Gießmann erklärt uns, was genau dahintersteckt.

Er forscht als Kultur- und Medienwissenschaftler an der Universität Siegen unter anderem zu Digitalität und Geld. Im März 2026 erschien sein aktuelles Buch „Das Kreditkarten-Buch: Geschichte und Theorie des digitalen Bezahlens“. Auf der re:publica diskutierte er zusammen mit der Philosophin Petra Gehring darüber, wie wir in Europa zukünftig bezahlen wollen.

Dr. Sebastian Gießmann, Credit: CC BY-SA

Wozu braucht es den digitalen Euro, wenn wir PayPal, Kreditkarten oder Wero haben?

Bezahlen müssen wir alle. In Europa gibt es jedoch keine öffentliche Basisinfrastruktur für digitales Geld. Der digitale Euro baut diese bis 2029 erstmals auf. Wenn wir in Zukunft eine dritte Bargeldform neben Münzen und Scheinen nutzen, macht uns das – zumindest ein Stück weit – unabhängiger von den US-amerikanischen Bezahlsystemen.

Wero ist zwar eine gute Ergänzung, aber auch eine weitere rein privatwirtschaftliche Infrastruktur. Sie hat noch lange nicht die Verbreitung des EC-Systems. Weros Bedienlogik entspricht der Zersplitterung des Bankensektors: Es gibt nicht eine zentrale App wie bei PayPal, sondern eine eher langsame Integration in die zahlreichen europäischen Banking-Apps. Mittlerweile machen sich Wero und der digitale Euro – leider – Konkurrenz. Das ist auch das Resultat einer Verschleppung der politischen Entscheidung.

Wie abhängig sind wir denn aktuell von US-Diensten?

Über 60 Prozent der grenzüberschreitenden Transaktionen in Europa werden durch Visa und Mastercard prozessiert. Mastercard hat im Jahr 2003 alle Rechte an der bis dahin genuin europäischen Infrastruktur von Eurocard und EC-Karte erworben. Diese Geschichte rekonstruiere ich in meinem Kreditkarten-Buch, als Alternative zur Dominanz der USA.

Kommende Woche gibt es eine wichtige Abstimmung im Europaparlament. Was ist der aktuelle Stand des digitalen Euro?

Am 23. Juni steht die Verabschiedung der EU-Verordnung zum digitalen Euro im federführenden ECON-Ausschuss an. Wichtige Streitpunkte wurden vorab teilweise geklärt. So wird der digitale Euro als Online- und Offline-Anwendung starten. Letztes Jahr gab es noch einen irrwitzigen, lobbyistisch geprägten Schlenker hin zu einer reinen Offlinevariante. Für die Onlinenutzung gilt „Privacy by Design“, Pseudonymisierung und Verschlüsselung sollen gewährleistet sein. Für die Offlinevariante, die im Stil einer Geldkarte 2.0 auch kartenbasiert funktionieren soll, verspricht die Europäische Zentralbank „bargeldartige Privatsphäre“. Der digitale Euro kann somit die Überwachungsgesamtrechnung positiv beeinflussen. Wir erhalten die Vorteile digitalen Geldes, ohne dass dieses automatisch in datenintensive, US-lastige Trackingnetzwerke eingebunden ist.

Welche Streitpunkte sind beim digitalen Euro noch offen?

Die ökonomischen Fragen sind noch nicht alle gelöst. So ist beispielsweise der Maximalbetrag an digitalen Euro, den wir Bürger:innen halten können, weiter offen. Hier war immer von 3.000 Euro die Rede, doch auch dieser Betrag ist von den Geschäftsbanken infrage gestellt worden. Für Händler soll es gebührentechnisch günstiger werden, doch das Vergütungsmodell für die beteiligten Banken steht noch nicht fest.

Wie müsste der digitale Euro deiner Meinung nach gebaut werden?

Je mehr er als „digital cash“ aufgebaut wird, desto besser. Außerdem möchte ich eine zentrale App, die ein gemeinsames europäisches Selbstbewusstsein ausdrückt. Sie muss so barrierearm und inklusiv wie möglich gestaltet sein. Klar ist, der digitale Euro braucht jede Menge Schnittstellen – von der ersten Bezahloption im Webshop bis zur Integration in andere Apps. Big Fintech müssen wir dabei auf Distanz halten, was angesichts des Verflechtungsgrads der Industrie nicht leicht werden wird.

Nur ein Beispiel: Bei den Smartphone-Wallets bleibt der digitale Euro vorerst auf die mobilen Betriebssysteme von Alphabet und Apple angewiesen. Die Nähe des digitalen Euro zur EUDI-Wallet, die ebenfalls Android und iOS benötigt, ist konzeptuell naheliegend. Aber eine brauchbare digitale Identität und echter „digital cash“ sind sehr unterschiedliche Dinge.

Wie bürgernah wird der digitale Euro bisher entwickelt?

Petra Gehring und ich haben uns auf der re:publica immer wieder für einen bürgernah entwickelten digitalen Euro ausgesprochen. Die Beteiligung der Zivilgesellschaft ist, trotz der professionellen Arbeit der EZB, immer noch minimal. Stattdessen lobbyiert der Finanzsektor munter in Brüssel weiter, wie kürzlich Finanzwende enthüllt hat. Die Interessen der Geschäftsbanken müssen im politischen Prozess zwar berücksichtigt werden, sie dürfen aber nicht wie bisher überrepräsentiert sein. Ich wünsche mir, dass wir die Prototypen so schnell wie möglich nach dem Beschluss des Europaparlaments testen. Die sind für 2027 angekündigt – und sollten über ganz Europa verteilt ausprobiert werden können.