Warum Europa Nicht Einfach Facebook 2.0 Braucht

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Social Media ist längst Teil der kritischen Infrastruktur. Eine, die in den Händen einiger weniger Privatpersonen liegt. Deren Geschäftsmodelle belohnen Polarisierung, Aufmerksamkeit und Abhängigkeit. Doch wenn Meinungsbildung, Sichtbarkeit und Reichweite von außereuropäischen Akteuren gesteuert werden, gefährdet das demokratische Selbstbestimmung. Eurosky möchte das ändern. Die europäische Initiative setzt sich für eine souveräne Social Media-Infrastruktur ein, auf der viele soziale Netzwerke entstehen können.

Wir haben mit Mitinitiator Sebastian Vogelsang über das Projekt gesprochen. Er ist iOS-Entwickler, Produktdesigner und Gründer von Flashes, einer Foto- und Video-App für das offene soziale Web. Auf der diesjährigen re:publica hat er erklärt, wie Europa mit offener, eigener Infrastruktur soziale Netzwerke neu denken kann. 

Was ist die Idee hinter Eurosky?

Eurosky ist der Versuch, Social Media in Europa nicht noch einmal als einzelne Plattform zu denken, sondern als öffentliche digitale Infrastruktur. Statt ein weiteres europäisches Facebook, Instagram oder X zu bauen, setzen wir auf offene Protokolle, die es vielen Anwendungen ermöglichen, auf demselben sozialen Netzwerk aufzusetzen.

Die technologische Grundlage dafür existiert bereits. Das AT Protocol, auf dem auch Bluesky basiert, hat heute mehr als 44 Millionen Nutzerinnen und Nutzer. Eurosky baut darauf auf und entwickelt gemeinsame europäische Infrastruktur wie Moderationsdienste, Hosting, Such- und Identitätsdienste, die von vielen Anwendungen gemeinsam genutzt werden können.

Unser Ziel ist ein Ökosystem, in dem Nutzer ihre Daten und sozialen Verbindungen behalten, auch wenn sie die App wechseln. So entsteht Wettbewerb über bessere Produkte statt über das Einsperren von Usern in Datensilos.

Wer steckt dahinter und was unterscheidet Euch von anderen Organisationen, die gerade eine „europäische Plattform“ bauen wollen?

Eurosky wird von Menschen aus den Bereichen Technologie, Zivilgesellschaft, Medien und digitaler Politik aufgebaut. Uns eint die Überzeugung, dass Europas Antwort auf Big Tech nicht darin liegen sollte, die bestehenden Plattformen einfach zu kopieren und eine europäische Flagge dran zu kleben.

Viele europäische Initiativen versuchen, ein „europäisches X“ oder ein „europäisches TikTok“ zu schaffen. Wir halten das für den falschen Ansatz. Plattformen profitieren von starken Netzwerkeffekten und tendieren dazu, neue Monopole zu erzeugen. Stattdessen wollen wir die gemeinsame Infrastruktur bereitstellen, auf der viele verschiedene Anwendungen entstehen können.

Man kann es mit Straßen vergleichen: Europas Ziel sollte nicht sein, einen einzigen europäischen Autohersteller zu fördern, sondern ein leistungsfähiges Straßennetz bereitzustellen, auf dem viele verschiedene Unternehmen - auch z.B. Fahrradhersteller - ihre Produkte betreiben können. Genau diese Rolle soll Eurosky für die nächste Generation sozialer Medien übernehmen.

Was fehlt Euch, um Euer Ziel erreichen zu können?

Die Technologie ist heute nicht mehr die größte Hürde. Offene Protokolle wie ATProto oder ActivityPub funktionieren bereits im großen Maßstab, und Millionen Menschen nutzen sie täglich. Was fehlt, ist der Aufbau langfristiger, unabhängiger Infrastruktur in Europa.

Dafür brauchen wir vor allem drei Dinge: Finanzierung, institutionelle Partner und politische Unterstützung. Finanzierung, um Infrastruktur aufzubauen und dauerhaft zu betreiben. Partner aus Medien, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, die diese Infrastruktur nutzen und mitgestalten. Und politische Unterstützung, damit offene digitale Infrastrukturen ähnlich ernst genommen werden wie andere Formen öffentlicher Infrastruktur.

Europa investiert mit dem Tech Sovereignty Plan Milliarden in Cloud, Halbleiter und KI. Die digitale Öffentlichkeit selbst wird dagegen noch weitgehend von außereuropäischen Konzernen kontrolliert. Wenn wir digitale Souveränität ernst meinen, müssen wir auch in die Infrastruktur investieren, auf der gesellschaftliche Kommunikation stattfindet.