Im Sommer 2024 sonnte sich Zeina mit einer Freundin am Alsterufer in Hamburg, als ein Mann mit Brille sie unerwartet ansprach und nach ihrer Nummer fragte. Sie habe einen Freund, wies sie den Mann höflich ab. Kurz darauf war der Vorfall vergessen – zumindest vorerst. Bis ihr jemand ein paar Tage später ein TikTok-Video schickte, auf dem sie im Gespräch mit besagtem Mann zu sehen war. Das Video ging viral, erhielt fast 15.000 Likes und wurde über 1000-mal geteilt.
Zeina war fassungslos. Sie habe gar nicht gemerkt, dass der Mann sie filmte, erzählte sie später dem SWR. Gefragt, ob er die Aufnahmen online stellen dürfe, habe er erst recht nicht. Zeina sah sich das Video immer wieder an, achtete genau auf Perspektive und Winkel. Die Aufnahme wirkte intimer als man es von Handyvideos gewöhnt ist, als würde Zeina sich durch die Augen eines anderen sehen. Auf einmal wurde ihr klar: Die Kamera muss in der Brille des Mannes gewesen sein.
Sogenannte Smart Glasses sehen aus wie normale Brillen, können aber Fotos, Videos und Ton aufnehmen. Es gibt die Datenbrillen mit oder ohne Sehstärke, mit durchsichtigen Gläsern, als Sonnenbrille oder als Sportbrille. Wenn das Accessoire mit einem KI-System verknüpft ist, übersetzt es Texte live oder beantwortet Fragen zur Umgebung. Einige Modelle zeigen Informationen direkt im Sichtfeld an und navigieren ihre Träger:innen zum Beispiel mit eingeblendeten Pfeilen durch die Straßen. Wie Google Maps, nur ohne aufs Handy zu schauen. Die Daten aus der Brille werden in der Regel auf das Smartphone übertragen, ähnlich wie man es von Smart Watches kennt.
Plattformen verdienen an übergriffigem Verhalten
Dass manche Männer diese neue Technologie nutzen, um Frauen heimlich zu filmen, ist nicht überraschend. Genauso wenig, dass viele der Aufnahmen später als Content auf Social Media Plattformen landen. Smart Glasses fügen sich in eine patriarchale Logik ein, die weibliche Körper objektifiziert, bewertet und vermarktbar macht. Doch auch wenn Frauen besonders sichtbar betroffen sind, kann jede Person ungewollt ins Blickfeld einer Datenbrille geraten. Der Mitarbeiter, der während eines Meetings kurz durch sein Social Media scrollt und dabei vom Vorgesetzten mit Smart Glasses aufgenommen wird, die Demonstrant:innen auf der Straße oder das Kind auf dem Spielplatz.
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Heimliche Aufnahmen verletzen die Privatsphäre der Betroffenen. Doch die Grenzüberschreitung beginnt nicht erst bei den Nutzer:innen. Entscheidend sind auch die Rahmenbedingungen, die solche Aufnahmen einfacher, unauffälliger und schneller verbreitbar machen. Die schaffen zum einen große Unternehmen, die Smart Glasses entwickeln und auf den Markt bringen. Zum anderen sind es Online-Plattformen, die Grenzüberschreitungen als Content verwerten und mit Reichweite, Klicks und letztlich auch finanziell belohnen. Manchmal sind Hersteller und Plattformbetreiber identisch. Im Fall von Smart Glasses ist das vor allem Meta.
Das US-Unternehmen, dem auch Facebook, Instagram und WhatsApp gehören, besetzt 82% des Marktes für Datenbrillen. Die Modelle, die Meta in Kooperation mit den Brillenmarken Ray-Ban oder Oakley auf den Markt bringt, sind so gefragt wie nie zuvor. Allein 2025 verkaufte Meta weltweit sieben Millionen Smart Glasses. Aber auch andere große Tech-Konzerne wie Google und Apple ziehen nach.
Vom Accessoire zum Aufnahmegerät
Smart Glasses scheinen der neueste Trend im Big Tech-Ökosystem zu sein. Unternehmen wie Meta und Google machen mit dem Sammeln möglichst vieler persönlicher Daten Milliardengewinne. Wenn Menschen die Brille auf der Straße tragen, können diese Konzerne den öffentlichen Raum noch besser als Datenquelle erschließen. Vor allem, weil Menschen Brillen an Orten und in Situationen tragen, wo man das Smartphone auch mal weglegt, zum Beispiel im Schwimmbad oder beim Sport.
Das unauffällige Design der Meta-Brillen sorgt dafür, dass die Menschen um einen herum meist gar nicht merken, dass sie eine Datenbrille vor sich haben. Die Video-, Ton- und Foto-Aufnahmen lassen sich über einen kleinen Knopf im Bügel, in der dazugehörenden App oder per Sprachbefehl starten. Ein kleines LED-Licht am oberen Rand soll andere Menschen darauf aufmerksam machen, dass die Meta-Brille gerade aufzeichnet. Im Netz finden sich allerdings eine Reihe von Tipps und Tricks, um das Licht auszuschalten oder zu verdecken.
Ein kleines Lämpchen ersetzt kein Einverständnis
Doch selbst wenn das Lämpchen an der Brille ordnungsgemäß leuchtet – reicht es als wirksames Warnsignal im Alltag aus? Dies sei nicht ausreichend belegt, kritisierten die irische und die italienische Datenschutzbehörde bereits 2021. Damals hatte Meta in Kooperation mit der Brillenmarke Ray Ban gerade seine erste ‚smarte‘ Brille auf den Markt gebracht. Studien zu Extended Reality-Geräten, zu denen auch Smart Glasses gehören, kommen zu ähnlichen Ergebnissen.
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Im Alltag sind viele Menschen zu sehr von ihrer Umgebung abgelenkt, um einen kleinen visuellen Hinweis überhaupt zu bemerken. So ginge es auch Zeina. An einem sonnigen Tag am belebten Alsterstrand, mit Musik und den Gesprächen anderer Besucher:innen im Hintergrund, sah sie einfach einen Mann mit Brille. Und selbst wenn dem Gegenüber das Licht an der Brille auffallen sollte, wissen die meisten schlichtweg nicht, was es bedeutet. Wer nicht erkennt, dass gefilmt wird, kann auch nicht widersprechen, weggehen oder Grenzen setzen.
Smart Glasses als praktische Alltagshelfer
Anstatt die Schutzmechanismen deutlich zu verbessern, bewirbt Meta seine Datenbrille als Lifestyle-Accessoire und nützlichen Alltagshelfer. Immer mit dem Tenor, je mehr KI-Funktionen, desto besser für die Nutzer:innen. Die Frage ist nur: Wem nutzt diese Technologie am meisten?
Smart Glasses können das Leben ihrer Träger:innen durchaus erleichtern. Es ist praktisch, beim Zusammenbauen des Kleiderschranks den passenden nächsten Schritt automatisch im Blickfeld angezeigt zu bekommen. Oder durch die Straßen einer fremden Stadt zu spazieren und sich Schilder, Speisekarten oder Gespräche übersetzen zu lassen, ohne dabei auf das Smartphone starren zu müssen.
Gehörlose oder schwerhörige Student:innen berichten davon, dass Smart Glasses ihnen den Uni-Alltag erleichtern. Untertitel oder Dolmetscher:innen lassen sich zum Beispiel im Display der Brille einblenden, ohne dass man den Blick von der Dozentin oder dem Laborexperiment abwenden muss. Und in Großbritannien arbeitet ein Forscherteam an einer KI-Brille, die Menschen mit Demenz im Alltag unterstützt.
Der Nutzen ist groß, aber das Risiko auch
Trotz dieser Vorteile müssen sich Nutzer:innen einer Datenbrille einer Sache bewusst sein: Mit jedem Tragen und jeder Aufnahme sammeln Meta, Google & Co. Daten. Zwar bleiben Fotos und Videos laut Meta zunächst auf dem Smartphone. Sobald Nutzer:innen aber bestimmte Cloud- oder KI-Funktionen verwenden, werden Daten an Meta übertragen und dort verarbeitet. Tech-Konzerne erhalten so noch tiefere Einblicke in die Interessen und Angewohnheiten der Nutzer:innen.
Ob Meta die Daten, die der Konzern mit Smart-Glasses sammelt, aktuell direkt für personalisierte Werbung nutzt, lässt sich nicht belastbar belegen. Meta hat jedoch im letzten Jahr angekündigt, KI-Interaktionen zu nutzen, um Inhalte und Werbeempfehlungen stärker zu personalisieren.
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Konsumprodukt und Überwachungstechnologie in einem
In einem nächsten Schritt plant der US-Gigant wohl, seine KI-Brillen mit einer Gesichtserkennungssoftware auszustatten, wie das Tech-Magazins Wired herausgefunden hat. Meta teste unter anderem die Software eines US-Unternehmens, das auch Überwachungstechnik an Polizeibehörden und an das US-Militär verkauft. Parallel dazu arbeite Meta an einem eigenen System, das Gesichter erkennen und mit einer biometrischen Datenbank abgleichen soll. Denkbar wäre auch, dass Meta hierfür Fotos und Informationen aus seinen Plattformen Instagram und Facebook heranzieht. Damit stünden dem Unternehmen eine Datenbank mit Milliarden von Gesichtern, Kontakten und Hinweisen auf soziale Beziehungen zur Verfügung.
Spätestens dann verschwimmen die Grenzen zwischen Konsumprodukten für die breite Öffentlichkeit und Überwachungstechnologie, die bisher vor allem Strafverfolgungsbehörden und Militär nutzen, immer mehr. Smart Glasses sind ein weiterer Schritt hin zu einer Gesellschaft, in der es immer alltäglicher, körpernäher und unauffälliger wird, dass Behörden und Unternehmen unser Verhalten überwachen. Davon profitieren vor allem Tech-Milliardäre, die unsere persönlichen Momente in ihre stetig wachsende Infrastruktur einbinden.
Datenbrillen in den Händen des Staates
Angesichts dieser Entwicklungen ist zu erwarten, dass bald auch Sicherheitsbehörden Smart Glasses als Aufnahmegerät nutzen oder sich Zugriff auf die Aufnahmen von Datenbrillen verschaffen. Damit würde der Staat unmittelbar in die informationelle Selbstbestimmung der betroffenen Personen eingreifen. Verlangen US-Behörden von Meta, die in der Cloud gespeicherten Daten einzelner Nutzer:innen in der EU herauszugeben, muss das Unternehmen Folge leisten.
Wozu staatliche Akteure solche Daten nutzen könnten, zeigt das millionenfach gespielte Pokémon Go. Nutzer:innen luden massenhaft Bilder aus dem öffentlichen Raum in die App hoch. Nun wird eine KI mit den Daten trainiert, um Militärdrohnen dabei zu unterstützen, in Gebieten ohne GPS-Empfang präzise zu navigieren.
Nach dem Schaden ist vor den Konsequenzen
Die Aufgabe der Politik ist es, einen Rahmen zu schaffen, der die Vor- und Nachteile in ein angemessenes Verhältnis setzt. Doch gerade bei neuen digitalen Produkten fällt es der Rechtsordnung schwer, schnell und angemessen zu reagieren. Selbst wenn eine Aufnahme rechtswidrig war, die Online-Plattform ein veröffentlichtes Video nach einer Beschwerde löscht oder eine Persönlichkeitsrechtsverletzung vorliegt, ist der Schaden für Betroffene bereits entstanden. Und die Täter lassen sich selten ermitteln.
Wirkungsvoller als neue Strafbestände oder von Aufsichtsbehörden verfasste Leitfäden wäre es deshalb, Hersteller dazu zu verpflichten, ihre Smart Glasses von Anfang an grundrechtsfreundlich zu gestalten. Die Grundidee ist nicht neu: Datenschutz durch Technikgestaltung ist wissenschaftlich mit den Konzepten Privacy- und Safety-by-Design gut ausgearbeitet. Dabei werden Schutz, Sicherheit und Rechte nicht nachträglich – und halbherzig – in ein Produkt integriert, sondern von Anfang an mitgedacht.
Genauso wird es bei neuen Automodellen oder Medizinprodukten gehandhabt. Niemals würde man ein Auto auf den Straßenverkehr loslassen, bevor nicht feststeht, dass alle Lichter und die Bremsen funktionieren. Warum sollte für eine Brille, die Überwachung und Datenverarbeitung alltagstauglich und im großen Stil in den öffentlichen Raum bringt, ein niedrigerer Maßstab gelten? Bislang gibt es aber – anders als bei Impfstoffen oder Autos – keine Vorabkontrolle, bevor Datenbrillen auf den Markt kommen.
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Grundrechte müssen ins Design
Wendet man den Safety-by-Design-Ansatz auf Smart Glasses an, müssten sie eindeutig als Brille mit Aufnahmefunktion erkennbar sein und Menschen im Umfeld deutliche Hinweise geben, wenn sie anfangen, Bild oder Ton aufzunehmen. Gesichtserkennung wäre weder erlaubt noch technisch möglich. In besonders sensiblen Räumen wie Umkleiden, Schwimmbädern oder am Arbeitsplatz müssten Aufnahme- und Livestreamfunktionen standardmäßig stärker begrenzt oder blockiert werden. Das könnte neben Hausregeln auch über verpflichtende Gerätemodi geschehen.
Der Jurist Thomas Schwenke schlägt außerdem vor, Gesichter, Stimmen und andere personenbezogene Informationen automatisch anonymisieren zu lassen. Jedenfalls dann, wenn die Daten nicht mehr nur lokal auf dem Handy gespeichert sind, sondern in eine Cloud hochgeladen werden, die nicht Ende-zu-Ende verschlüsselt ist. Eine solche Herangehensweise schützt sowohl die Träger:innen selbst als auch die Menschen in deren Blickfeld, jedenfalls ein Stück weit.
Konstruktive Vorschläge und technische Möglichkeiten sind also vorhanden. Auch im EU-Digitalrecht gibt es für Security-by-Design bereits Vorbilder. Der Cyber Resilience Act verpflichtet Hersteller digitaler Produkte künftig, Cybersicherheit schon bei Planung, Design, Entwicklung und Wartung mitzudenken. Die KI-Verordnung arbeitet ebenfalls mit Kontrollmechanismen für (Hochrisiko-)KI-Systeme. Auch die DSGVO kennt eine Vorschrift für Datenschutz durch Technikgestaltung. Die drei Verordnungen verpflichten die Hersteller allerdings nicht dazu, ein Prüfverfahren zu durchlaufen, bevor die Produkte auf den Markt kommen dürfen.
Gütesiegel statt stille Selbstzensur
Der Gesetzgeber könnte durchaus vorschreiben, dass Smart Glasses in der EU erst verkauft werden dürfen, wenn sie auf Schutzmaßnahmen geprüft und zertifiziert wurden. Das wäre ein Weg, um die Hersteller mehr in die Pflicht zu nehmen, die bislang allzu leicht noch auf die Eigenverantwortung der Nutzer:innen verweisen. Dass dies nicht ausreicht, zeigen Fälle wie der von Zeina.
Angesichts einer Vielzahl grenzüberschreitender Vorfälle ist es nicht verwunderlich, dass Smart Glasses aktuell ein Akzeptanzproblem haben. Viele Menschen sind skeptisch, weil sie nicht wissen können, ob sie in ihrem Alltag beobachtet werden. Ohne klare Regeln, deutliche Signale und überprüfbare Schutzmechanismen kann dieses Misstrauen weiter wachsen. Sind sich Menschen bewusst, dass potentiell eine Kamera auf sie gerichtet ist, passen sie ihr Verhalten an, bewegen sich weniger frei im öffentlichen Raum, gehen seltener auf politische Veranstaltungen. Studien zeigen solche Verdrängungs- und Meidungseffekte besonders bei marginalisierten Gruppen.
Dass freiwillige Schutzmaßnahmen der Unternehmen und langwierige Prüfungen der Datenschutzbehörden nicht ausreichen, haben inzwischen auch Mitglieder des EU-Parlaments erkannt. Abgeordnete der liberalen Fraktion Renew Europe fordern die EU-Kommission dazu auf, bestehende Regeln wie DSGVO und die KI-Verordnung stärker auf KI-fähige Smart Glasses und andere tragbare Aufnahmegeräte anzuwenden.
Gefangen im Hamsterrad der Folgeschäden
Für Zeina aus Hamburg und viele andere Frauen kommen diese Schritte zu spät. Zeina hat sich mittlerweile selbst gegen die Aufnahme gewehrt. Erst schrieb sie dem Account, der das Video gepostet hat. Eine Antwort erhielt sie nicht. Dann meldete sie das Video der Plattform TikTok. Die Plattform schrieb nur zurück, dass das Video in Regionen, wo es gegen den Datenschutz verstößt, offline genommen werde.
Das reichte ihr nicht aus. Also reagiert sie selbst mit einem TikTok-Video auf die heimliche Aufnahme. Für sie sei es eine Möglichkeit gewesen, sich Kontrolle zurückzuholen, erzählt sie dem SWR. Ihr Video geht viral, der Mann, der sie gefilmt hat, meldet sich schließlich. „Sorry, dass ich euch hochgeladen habe, ohne zu fragen“ schreibt er ihr - und nimmt das Video von der Plattform.
Ob DSGVO oder KI-Verordnung dazu beitragen, die Betroffenen in Zukunft effektiver zu schützen, bleibt abzuwarten. Fest steht: Solange Technologien nicht von Anfang an grundrechtsfreundlich gestaltet werden, bleiben wir im Hamsterrad ihrer Folgeschäden. In der einen Hand das Smartphone und in der anderen die Kehrschaufel für den Scherbenhaufen, der unweigerlich folgen wird. Im Gesicht die neueste Ray-Ban-Meta-Brille.
Redaktion: Michael Kolain
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