Viele Menschen sehen politische Neuigkeiten nicht mehr auf Nachrichtenseiten, sondern zu aller erst auf sozialen Medien. Für ein Drittel der 14 bis 29-Jährigen (GenZ) ist es sogar die wichtigste Informationsquelle. Dort begegnen Menschen politischen Inhalten eingebettet in eine Plattformlogik, die Zuspitzung, Emotion und Konflikt mit Reichweite belohnt.
Die Medienforscherin Josephine B. Schmitt erklärt, wie Plattformen politische Wahrnehmung prägen, warum Medienkompetenz allein nicht reicht und welche Regeln es für TikTok, Instagram und Co. bräuchte. Schmitt ist wissenschaftliche Koordinatorin am Center for Advanced Internet Studies (CAIS). Sie forscht zu Hate Speech, extremistischer Propaganda und (politischen) Informations- und Bildungsangeboten im Internet.
Aufmerksamkeit statt Ausgewogenheit
Wie stark prägen Plattformen, was junge Menschen überhaupt als politisch wichtig wahrnehmen?
Schmitt: In sozialen Medien werden politische Positionen von unterschiedlichen Akteur:innen vermittelt: Parteien, politische Influencer:innen, zivilgesellschaftliche Organisationen, Institutionen, aber auch Creator:innen, die auf den ersten Blick gar nicht politisch wirken und trotzdem Werte, Haltungen und Deutungen vermitteln. Politik erscheint also oft nicht mehr nur als klassische Nachricht, sondern auch in Form von Lifestyle, Unterhaltung, Identitätsangeboten oder emotionalen Stellungnahmen.
Algorithmen spielen dabei eine zentrale Rolle, weil sie nicht neutral abbilden, was wichtig ist, sondern vor allem Inhalte sichtbar machen, die einerseits den vermuteten Interessen der Nutzenden entsprechen, andererseits solche, die viel Aufmerksamkeit und Interaktion erzeugen. Besonders gut funktionieren Inhalte, die starke Emotionen auslösen – etwa Angst, Wut, Empörung, Erstaunen oder Trauer. Gerade zugespitzte, polarisierende oder negative Beiträge haben deshalb oft bessere Chancen, verbreitet zu werden. Hinzu kommt, dass Menschen Inhalte eher liken, teilen oder kommentieren, wenn diese zu den eigenen Überzeugungen passen oder in Gruppen kursieren, mit denen sie sich identifizieren. Auch das verstärkt die Sichtbarkeit bestimmter politischer Inhalte im engeren Umfeld.
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Welche Auswirkungen hat die emotionale Polarisierung durch Plattform-Algorithmen für Nutzer:innen?
Schmitt: Das hat Folgen für die politische Wahrnehmung der Nutzenden: Wenn bestimmte Themen, Konflikte oder Deutungen immer wieder im Feed auftauchen, entsteht leicht der Eindruck, genau das sei jetzt politisch besonders relevant. Plattformen strukturieren damit nicht unbedingt, was Menschen denken, aber sehr wohl, worüber sie nachdenken und was sie als dringlich, normal oder wahr wahrnehmen sollen.
Zusammenfassend kann man also sagen: Algorithmen entscheiden nicht allein darüber, was Jugendliche – und auch andere Menschen - politisch wichtig finden. Aber sie setzen sehr stark den Rahmen dafür, welche Themen sichtbar werden, welche Stimmen Reichweite bekommen und welche politischen Deutungen sich im Alltag einprägen.
Medienkompetenz allein reicht nicht
Bei Jugendlichen fällt oft das Stichwort „Medienkompetenz“. Reicht das aus, um Desinformation und politische Einflussnahme auf Plattformen wirksam etwas entgegenzusetzen?
Schmitt: Medienkompetenz ist ein wichtiger Teil der Lösung, aber sie allein reicht nicht aus. Bei Desinformation und politischer Einflussnahme auf Plattformen haben wir es mit einem Problem zu tun, das nicht nur eine einzige Ursache hat – und deshalb gibt es auch nicht ein einziges Mittel dagegen. Das macht die Bearbeitung dieses Themas aber auch sehr komplex. Langfristig wirksam ist nur ein Zusammenspiel aus Bildung, Transparenz, Plattformverantwortung und gesellschaftlicher Aufklärung.
Bevor Desinformation entsteht oder sich verbreitet, sind vor allem Bildung und Aufklärung zentral. Hier geht es darum, Menschen grundsätzlich zu befähigen, Informationen kritisch zu nutzen, Quellen einzuordnen und manipulative Inhalte besser zu erkennen. Dazu gehören Medienbildung in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit, aber auch Angebote für Erwachsene. Ziel sollte dabei nicht nur Schutz sein, sondern Mündigkeit: also Selbstständigkeit, Urteilskraft und ein aufgeklärter Umgang mit digitalen Medien.
"Löschen ist nicht immer die beste Lösung"
Was macht man, wenn die Falschinformation schon veröffentlicht ist?
Schmitt: Dann ist es zum Beispiel hilfreich, sichtbar zu machen, wer hinter einer Behauptung steht, welche Interessen im Spiel sind und wie verschiedene seriöse Quellen über ein Ereignis berichten. Neben Einzelpersonen übernehmen hier oft professionelle Faktenchecks (wie die von Correctiv, Tagesschau, Mimikama) diese Aufgabe.
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Leider sind Faktenchecks aufwendig, teuer und oft zu langsam. Forschung zeigt, dass Faktencheck-Inhalte im Durchschnitt viele Stunden hinter der Verbreitung von Falschinformationen zurückliegen. In der Zeit kann sich eine falsche Behauptung oft schon stark verbreitet und etabliert haben. Außerdem wirken Faktenchecks nicht bei allen Menschen gleichermaßen. Ihre Wirkung hängt von politischen Einstellungen und der vorhandenen Medienkompetenz der Nutzenden ab.
Wenn Inhalte in sozialen Medien als falsch oder irreführend eingeordnet wurden, kommen Kennzeichnungen, Meldemöglichkeiten oder auch Löschungen ins Spiel. Viele problematische Inhalte liegen jedoch unterhalb der strafrechtlichen Schwelle und sind deshalb rechtlich nicht so leicht zu fassen. Und reines Löschen ist nicht immer die beste Lösung. Gerade in verschwörungsideologischen Milieus kann etwa Regulation und Löschung als Bestätigung, etwa für staatliche Zensur verstanden werden. Das kann Misstrauen, Elitenkritik und weitere Radikalisierung sogar noch verstärken.
Außerdem dürfen wir nicht vergessen: Desinformation ist oft auch ein Symptom tieferliegender gesellschaftlicher Probleme (z.B. Ausgrenzung, Rassismus). Wer nur die falsche Information bekämpft, aber nicht die Bedingungen in den Blick nimmt, unter denen sie verfängt, greift zu kurz. Es geht deshalb auch um die Frage, wie wir als Gesellschaft den Zugang zu präzisen, transparenten und hochwertigen Informationen sichern – und wie wir die Rahmenbedingungen verändern, in denen Desinformation entstehen und erfolgreich werden kann.
Wiederholen bis es überzeugt
Wie verändert sich politische Urteilsfähigkeit, wenn (Des-)Information in unterhaltsame Plattformumgebungen eingebettet ist?
Schmitt: Politische Urteilsfähigkeit gerät besonders dann unter Druck, wenn Desinformation in Umgebungen zirkuliert, die auf Unterhaltung, Emotion und soziale Bestätigung ausgelegt sind. Dann wirken Inhalte nicht über ihren Wahrheitsgehalt, sondern über Likes, Zugehörigkeit und Wiederholung. Wer für das Erstellen und Teilen bestimmter Inhalte Aufmerksamkeit, Anerkennung oder Gemeinschaftserfahrungen bekommt, der fühlt sich in diesen außerdem eher bestätigt.
Wenn Nutzer:innen denselben Aussagen oder Frames in sozialen Medien immer wieder begegnen, etwa weil sie von verschiedenen Accounts geteilt oder kommentiert werden, kann ein Wiederholungseffekt entstehen: Bekanntes wirkt dann glaubwürdiger, selbst wenn es nicht unbedingt wahr ist. In der Forschung sprechen wir hier von dem sogenannten Truth Effekt.
Desinformation wirken aber nicht im luftleeren Raum. Menschen sind eher empfänglich für Inhalte, die das bestätigen, was sie ohnehin schon denken, fühlen oder befürchten. Das nennt man Confirmation Bias. Wenn Plattformen dann genau solche Inhalte algorithmisch besonders stark verbreiten, weil sie viele Reaktionen auslösen, verstärkt sich dieser Effekt noch.
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Gibt es Unterschiede darin, wie stark sich Menschen algorithmisch beeinflussen lassen?
Schmitt: Eigenschaften und Erfahrungen auf Seiten der Nutzenden spielen eine große Rolle. Entscheidend ist zum Beispiel, wie Menschen aufwachsen, welche politischen Einstellungen sie bereits entwickelt haben, ob sie gelernt haben, mit Unsicherheit und Widersprüchen umzugehen, und ob sie demokratische Prozesse als nachvollziehbar und sich selbst darin als wirksam erleben. Wichtig ist daher auch der Blick über die Plattformen hinaus: Welche Erfahrungen machen Jugendliche in Schule, Familie, Peergroups oder Jugendzentren? Gibt es Räume, in denen sie politische Fragen diskutieren, Beteiligung erleben und eigene Wirksamkeit erfahren können?
Fünf Tipps für mehr Durchblick
Welche konkreten Tipps haben Sie für junge Menschen, die Inhalte kritisch einordnen möchten?
Schmitt: Ein erster wichtiger Tipp ist: nicht sofort Inhalte glauben, die mich emotional ansprechen. Gerade Inhalte, die wütend machen, Angst auslösen oder stark empören, sollte man einen Moment liegen lassen und besonders kritisch prüfen. Genau solche Inhalte sind oft darauf angelegt, schnell Aufmerksamkeit zu erzeugen. Zudem ist wichtig - egal wie aufreibend und krass die Inhalte sind - sie nicht weiterzuverbreiten. Workshops an Schulen habe ich mit Kolleg:innen vor ein paar Jahren daher unter das Motto: „teilt nicht jeden Scheiß“ gestellt. Das fasst es ganz gut zusammen.
Zweitens lohnt es sich, immer auf die Quelle zu schauen: Wer verbreitet die Information eigentlich? Ist das eine seriöse Redaktion, eine offizielle Institution, ein Creator mit klarer politischer Agenda oder ein anonymer Account?
Drittens sollte man Informationen nicht isoliert betrachten, sondern vergleichen. Taucht dieselbe Nachricht auch bei anderen verlässlichen (!) Quellen auf? Wird ein Ereignis von mehreren Medien ähnlich beschrieben? Dieser Vergleich von Perspektiven ist oft hilfreicher als der Versuch, sofort selbst zu entscheiden, ob etwas komplett wahr oder falsch ist.
Viertens ist es sinnvoll, auf Warnzeichen zu achten: sehr zugespitzte Überschriften, angebliche Geheimwahrheiten, starke Feindbilder, massiver Zeitdruck nach dem Motto ‚Teile das sofort‘ oder Beiträge, die nur auf Empörung setzen, aber kaum überprüfbare Informationen liefern.
Fünftens sollte man sich bewusst machen, dass Wiederholung nicht Wahrheit bedeutet. Nur weil man dieselbe Behauptung immer wieder im Feed sieht, wird sie nicht richtiger.