Gemeinsam aus der Abhängigkeitsfalle?

Kommentar zum AI Impact Summit in Neu Delhi

Die amerikanische Regierung und die führenden KI-Firmen treten auf dem AI Impact Summit in Neu-Delhi geschlossen und überraschend ehrlich auf: Sie wollen den globalen KI-Stack dominieren. China hingegen ist gar nicht eingeladen. Europa und der globale Süden müssen schauen, wo sie bleiben. Globale KI-Governance ist so fast unmöglich, aber es formieren sich neue Allianzen. Das gemeinsame Interesse: Nicht zulassen, dass sich technologische Abhängigkeiten durch KI weiter vertiefen. Das ist ein gutes Zeichen – und möglich.
Joris Kanowski, Senior Advisor, Zentrum für Digitalrechte und Demokratie

Der erste KI Gipfel im globalen Süden

Der AI Impact Summit in Neu Delhi war nach Bletchley Park, Seoul und Paris der erste KI-Gipfel im globalen Süden. Deshalb sollte es weniger um Sicherheitsfragen gehen, sondern primär um die Anwendung von KI für aufstrebende Länder. Und tatsächlich setzte Indien hier eine Reihe von Akzenten. Es ging beispielsweise darum, wie KI Landwirten helfen kann oder wie man Sprachmodelle für Menschen verfügbar macht, die kaum Lesen und Schreiben können, lokale Dialekte sprechen oder keine stabile Internetverbindung haben.

Der Summit war aber auch eine Business-Konferenz, auf der sich Indien als Tech-Nation präsentieren und neue Partnerschaften schließen wollte. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit herrschte oft eine Kluft. Das wurde besonders deutlich, als eine indische Uni einen Shitstorm dafür bekam, dass sie einen chinesischen Roboter als Eigenproduktion deklarierte. Indien hat einen großen IT-Sektor und viele IT-Fachkräfte – aber kaum eigene Firmen und Infrastrukturen. Indien hat den Gipfel für ein breites Publikum geöffnet. Dadurch wurde deutlich: Im Land herrscht eine große Begeisterung für KI, man verbindet mit ihr die Hoffnung auf einen wirtschaftlichen Aufstieg. Aus einer Situation der Armut heraus meinen viele, nichts zu verlieren zu haben.

Kritische Perspektiven kamen dabei leider fast nur von engagierten Forschern wie Yoshua Bengio, der die Erstellung des International AI Safety Reports geleitet hat. Die Zivilgesellschaft blieb auf den Bühnen des Gipfels überwiegend außen vor. Gegen Proteste ging die indische Regierung hart vor. Dass Indien ein extrem ungleiches und ungerechtes Land ist, war für alle Besuchenden nicht zu übersehen. Das war ein Realitäts-Check für die inklusive und gemeinwohlorientierte Rhetorik der Modi-Regierung.

Geopolitik und globale KI Governance

Eine Lesart des Gipfels ist: Die Mittelmächte schließen sich pragmatisch zusammen. Aber sie tun dies eher aus der Not, als aus Solidarität. Die USA und China haben einen technologischen Vorsprung entlang aller Ebenen des KI-Stacks, der die anderen pragmatisch werden lässt. In diesem Kontext ist auch der neue deutsch-indische KI Pakt zu sehen. Man will abgestimmter vorgehen, an eigenen anwendungsspezifischen KI-Modellen arbeiten und voneinander lernen.

Der Wunsch nach „Souveränität“ bei KI-Technologien ist dabei zutiefst ambivalent. Einerseits geht es darum, Abhängigkeiten zu vermeiden, nationale Interessen durchzusetzen, Wertschöpfung und Daten im eigenen Land zu behalten und offene Alternativen zu entwickeln. Ein Statement, das man auf dem Gipfel von Regierungsvertretern vieler Länder hört: Über die Art des Einsatzes von KI sollten nicht nur fünf Firmen entscheiden.

Andererseits wird der Wunsch nach Souveränität auch motiviert vom Paradigma eines technologischen Wettrennens, bei dem man nur mithalten könne, indem man dereguliert. Auf diese Erzählung darf man nicht hereinfallen. Das einzige Land, das bislang der US-Dominanz bei Künstlicher Intelligenz etwas entgegensetzen konnte, ist nämlich China, wo ein eigener Stack aufgebaut wurde, während sich sowohl heimische als auch ausländische Firmen an strenge Vorgaben – mit anderen Worten „Regulierung“ - halten müssen.

China war allerdings weder durch seine Regierung, noch durch Unternehmen auf diesem Gipfel vertreten. Das liegt daran, dass die chinesisch-indischen Beziehungen wegen eines Grenzkonfliktes extrem angespannt sind. Daran wird deutlich: Der Versuch globaler KI Governance scheitert wiederholt an der schwierigen geopolitischen Realität.

Digitale Grundrechte brauchen eine starke Stimme – deine Unterstützung macht sie hörbar.

Als gemeinnützige Organisation finanzieren wir uns durch Spenden. Hilf uns, Machtmissbrauch einzudämmen und digitale Souveränität zu stärken.

America First

Es hat nicht überrascht, aber doch erstaunt: Die amerikanische Regierung und die führenden amerikanischen Firmen haben auf dem Gipfel ihre Absichten sehr ehrlich kommuniziert. Es geht ihnen um technologische Dominanz durch KI. Sowohl das Weiße Haus, als auch xAI, OpenAI, Google DeepMind und Anthropic verfolgen eine klare Mission: amerikanische Produkte exportieren und Regulierung verhindern.

Michael Kratsios, Wissenschaftsberater des Präsidenten und ehemaliger Chief of Staff von Peter Thiel, hat in seiner Keynote gesagt: „As the Trump Administration has now said many times: We totally reject global governance of AI. We believe AI adoption cannot lead to a brighter future if it is subject to bureaucracies and centralized control.“ Man müsse zudem von einer Kultur der Angst zu einer Kultur der Chancen übergehen. Wahre Souveränität bedeute nicht, alles selbst zu bauen - was aufgrund der Komplexität des KI-Stacks unrealistisch sei – sondern die weltweit besten Technologien aus den USA einzusetzen.

Sehr aufschlussreich war auch ein Panel des Weißen Hauses mit den Cheflobbyisten der amerikanischen KI-Firmen. Hier konnten sich alle Beteiligten einigen, dass die einzig akzeptable Form der Regulierung eine Selbstregulierung der führenden Firmen sei. Dabei denkt man weniger an Gesetze, sondern an Standards und Protokolle, die es KI-Agenten ermöglichen sollen, miteinander, mit Datenquellen und mit Bezahlsystemen zu interagieren. Die „agentic economy“ wird als nächste Entwicklungsstufe gesehen. Das Ziel ist, das Internet so umzubauen, dass amerikanische KI-Agenten global zum Einsatz kommen und so ihren technologischen Vorsprung voll ausspielen können.

Was Deutschland von Indien lernen kann

Indien hat seit seiner Unabhängigkeit erst eine Strategie des Non-Alignment und nun des Multi-Alignment verfolgt. Allianzen und Abhängigkeiten will man nach Möglichkeit vermeiden, stattdessen werden diverse Partnerschaften basierend auf gemeinsamen Interessen geschlossen. Das ist die Lehre, die Indien aus seiner jahrhundertelangen kolonialen Ausbeutung gezogen hat. Von einer digitalen Unabhängigkeit ist Indien ähnlich weit entfernt wie Deutschland. Es hat aber eine Erfolgsgeschichte, die auch für Deutschland und Europa vorbildhaft zeigt, wie sich das Ziel der Souveränität in konkrete Infrastrukturen übersetzen lässt.

Mit dem Unified Payments Interface (UPI) gibt es einen offenen Standard für digitales Bezahlen, der überall akzeptiert ist und den über eine Milliarde Menschen nutzen. Das schafft zwar auch Probleme mit dem Ausschluss und der Diskriminierung von Gruppen, diese haben aber innenpolitische Gründe. Das System an sich ist elegant, vor allem, weil Google, WhatsAp, VISA und Mastercard dort mitmachen dürfen, sich aber an die Regeln und technischen Vorgaben halten müssen. Sollte es ein Problem geben, können Anbieter ausgeschlossen werden. Denn es stehen viele Alternativen bereit und der Wechsel fällt leicht. So werden Lock-In Effekte überwunden.

Der Lock-In bei KI ist abwendbar – auch ohne eigene Modelle

Bei Cloud und Social Media entdeckt Europa gerade, wie schwer es ist, sich aus einem Lock-In durch marktbeherrschende ausländische Anbieter zu befreien. Mit dem EUDI-Wallet und dem Digitalen Euro gibt es immerhin konkrete Ansätze, sich bei Bezahl- und Identitätssystemen – ähnlich wie Indien – aus Abhängigkeiten zu befreien. Doch was würde es bedeuten, den Kerngedanken des Unified Payments Interface auf KI zu übertragen?

Es ist noch nicht zu spät, sich der vertikalen Integration von KI-Modellen in geschlossene Big-Tech Geschäftsmodelle zu widersetzen. Firmen, Staaten und Privatpersonen sollten auf souveräne Schnittstellen setzen, die den Wechsel zwischen verschiedenen KI-Modellen erlauben – amerikanisch, chinesisch, französisch, Open-Source, wie man will! Hauptsache man ist nicht an einen Anbieter gebunden, schafft einen offenen Wettbewerb und behält Kontrolle über eigene Daten.

Mit dem Digital Markets Act ist dafür bereits eine gute Grundlage gelegt: Die EU-Kommission hat Anfang Februar auf dieser rechtlichen Grundlage Meta aufgefordert, auf WhatsApp nicht nur Chatbots von Meta anzubieten. Aber es braucht auch technische Infrastrukturen, die das Hin-und-Her-Wechseln leichter machen. Das Beispiel UPI zeigt: Regulierung, Wettbewerb, Innovation, Skalierung, Souveränität und Verbraucherschutz müssen gar kein Widerspruch sein, wenn man die Sache nur klug angeht.

Dank und Disclaimer: Die Reise zum AI Impact Summit wurde mir vom Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung im Rahmen des Fellowships Internationale Digitalpolitik 2026 ermöglicht. Dieser Beitrag ist Ausdruck meiner persönlichen Meinung.